*Gida

24. August 1992.

In Rostock-Lichtenhagen erreichten rassistische Ausschreitungen ihren Höchststand. Schon tagelang flogen Steine und Molotowcocktails in das dort stehende (und überfüllte) ZAst, die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber.

Die Polizei stellte zu wenig und zu spärlich ausgerüstete Kräfte. War überfordert. Festnahmen trafen zum großen Teil linke Kräfte, die zur Solidarität mit den Asylsuchenden bewegen wollte, diese zeigte. Helfen wollten. Das ZAst wurde geräumt. Man fand, damit sei das Problem aus der Welt geschafft. Doch vergaß man das Wohnheim ehemaliger vietnamesischer Angestellter. Wohl, weil diese seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Deutsche waren. Aber eben nicht so aussahen. Was reichte. Am Abend flogen in das Wohnheim Molotowcocktails, es wurde angebrannt. Von der Polizei kam keine wirkliche Reaktion. Weniger als die Tage vorher. Der Zeitraum gilt als der mit den größten rassistischen Ausschreitungen der Nachkriegszeit. Rostock ist für die Ausschreitungen nur das größte Beispiel. Es ging in einigen Städten so. Das soll Rostock nicht irgendwie abschwächen. Mehr oder minder direkt unterstützt wurde es von Presse und Politik. Die nichts taten, die Propaganda noch freudig ablichteten.

Nun möchte ich die Situation von ’92 nicht mit den *gida-Bewegungen gleichsetzen. Doch gibt es Parallelen.
Ich hörte während der Demonstrationen „Deutschland den Deutschen“ und „Ausländer raus!“-Rufe. Gleiches wurde damals geschrien.

Ein zweiter großer Punkt ist die Angst. Damals hatten — logischer Weise — Asylsuchende Angst. Endlose Angst. Auch heute sind sie nicht vor Rassismus gefeit. Angefangen von Alltagsrassismus über Hetzreden bis hin zu tatsächlichen Übergriffen. Wir leben momentan in einem Land, in dem Asylsuchende, die herkamen, weil sie Angst um ihr Leben hatten, auch hier wieder Angst um ihr Leben haben müssen. Gerade heute ist ein großartiges Beispiel. Das Refugees-Camp wird von Nazis und Pegida-Anhängern angegriffen. Mit eben den Rufen, die oben sind. Und man ist STOLZ darauf. Man ist stolz darauf, Menschen, die schon nichts mehr haben, die nach Deutschland kommen, um zu hoffen, dass sie endlich friedlich und in Ruhe verweilen können, nochmal das bisschen weg, was sie gerade noch haben. Es ist widerlich.

Man ist stolz, ein Deutscher zu sein. Oder will es sein. Doch was gibt einem das Recht, stolz darauf zu sein? Was habt ihr dafür geleistet? Was macht euch dadurch besser? Ihr schreit für Mannschaften, erfreut euch ihrer Siege. Und habt wieder nichts für geleistet. Ihr brüstet euch, im Land der Dichter und Denker zu leben. Brüstet euch mit Goethe, Schiller. Und doch wollt ihr nichts mehr mit der Nazivergangenheit zu tun haben? Wenn ihr findet, dass das zu lang her ist, habt ihr genauso wenig Recht, auf Goethe und Schiller stolz zu sein. Lebt mit dem ganzen Paket. Oder lasst es.

Ihr glaubt blind Parolen, lasst eure Wahrnehmung durch Nazipropaganda vernebeln. Und spielt euch auf, als wäret ihr die Elite. Seid ihr nicht. Habt ihr einmal Quellen hinterfragt? Mal nicht blind hingenommen, was euch gesagt wird? Mal selbst die Augen aufgemacht.
Ihr wollt, dass kriminelle Ausländer gehen. Die kriminellen Ausländer, die euch so aufregen, sind Deutschte. Sie sind in der mindestens zweiten Generation hier in Deutschland. Haben einen deutschen Pass. Die, gegen die ihr seid, wollen zum Großteil nur Ruhe. Vergessen. Leben. Vom Hass entkommen.

Ihr denkt, sie würden sich nicht richtig integrieren? Man würde nie erlauben, eine Kirche in z.B. der Türkei zu bauen? Die Meisten Asylsuchenden würden nichts lieber als die Sprache zu lernen. Doch es wird ihnen verwehrt. Ihnen wird keine Möglichkeit gegeben. Und Kirchen werden in Gebieten, die einen relativ hohen christlichen Teil haben, ohne Probleme gebaut.

Sie würden mehr Geld bekommen, als Hartz4-Empfänger, unsere Steuergelder verschlingen, seien zu faul zum Arbeiten? Ein Asylbewerber bekommt 140€ pro Monat Taschengeld, um sich um das nötigste zu kümmern. Den Großteil davon in Gutscheinen oder direkt Sachwerten. 40€ bekommen sie im Normalfall etwa bar. Die meisten würden im Gegenteil sehr gern arbeiten. Dürfen aber nicht. Ein Hoch auf unser Asylrecht.

Sie klauen die Arbeitsplätze? Na Mensch. Man kann es aber auch nicht Recht machen. Sind sie jetzt faul oder nehmen sie Arbeitsplätze weg? Einmal, wenn Jemand mit wenig Sprachkenntnissen und ohne größere Kontakte euch den Job wegnimmt, liegt es vielleicht einfach an euch. Außerdem brauchen wir Arbeiter aus anderen Ländern. In den ersten paar Jahren gäbe es in Deutschland tatsächlich einen Aufschwung. Weniger Arbeitslose. Schaut man sich aber unsere Bevölkerungspyramide an, wird man recht schnell feststellen, dass wir bald ein ziemliches Problem hätten. Deutschland stirbt aus. Ohne Zuwanderung ließe sich das Rentensystem gar nicht mehr stemmen. Also noch weniger Geld für Rentner. Werdet euch einig, was ihr wollt.

Es kommen alle nach Deutschland? Und alle dürfen hier bleiben? Die meisten Flüchtlinge stranden in angrenzenden Staaten. In Deutschland gibt es auf 1.000 Bewohner gerade mal 1,5 Asylbewerber, auf die Gesamtheit der Flüchtlinge  gesehen sind dies nicht mal ein Viertel Prozent. Und hier bleiben? Mitnichten. Es ist auch sehr abhängig, wo man herkommt. Die meisten werden nur geduldet. Hierzu eine Geschichte, die ich selbst mitbekam, da es eine Bekannte aus meiner ehemaligen Klasse war. Sie zählte zu den Balkanflüchtlingen, sie hatten ein Duldungsrecht, durften hier arbeiten. Sie machte ihr Abitur. Eine der besten Abschlüsse. Sie bewarb sich normal. Bekam die Ausbildung. Als sie dies nun auf dem Ausländeramt angeben wollte, bekam sie die Frage, wieso sie sich überhaupt bemüht hätte, sie wisse doch, dass sie „sowieso abgeschoben wird, sobald das Abitur fertig ist“. Im Balkan sei ja keine Krieg mehr. Sie wusste auch schon, dass ihr Bruder abgeschoben wird, sobald er 18 ist. Beides trat ein. Beide mussten kämpfen, damit sie wieder nach Deutschland durften. Weil der Krieg eben nicht vorbei ist.

Ich denke, das Aufzeigen der Punkte und des Anfangs sollte nun klar genug

~ von sunny93 - März 2, 2015.

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